Ein Prise Stress muss sein
Seniortrainer Martin Langer mit neuem Projekt für Schulen
Kühlungsborn - „Als ich vor fünf Jahren in Rente ging, war ich
froh. Endlich ausruhen, schlafen, meinen Hobbys frönen. Das ging ein halbes
Jahr gut. Dann aber wurde ich einsam. Ich war es gewöhnt, gebraucht zu werden,
mit Menschen zusammenzuarbeiten. Geben und Mitnehmen. Ich sagte mir: Mensch Martin,
das kann's doch nicht gewesen sein. Nur Hobbys? Nein", erinnert sich der
Kulturwissenschaftler, der vor der Wende beim FDGB-Feriendienst beschäftigt
war und später als Vertriebsleiter einer Firma arbeitete. Damals suchte
der Weiße Ring noch ehrenamtliche Mitarbeiter. Martin Langer meldete sich.
2002 verabschiedete die Bundesregierung im Rahmen der Kampagne „Alt für
Jung" das EFI-Projekt (Erfahrungswissen für Initiativen), mit dem pensionierte
Hoch- und Fachschulkader zu Seniortrainer ausgebildet wurden. Martin Langer war
einer der ersten Stunde - vom Weißen Ring delegiert. In Schwerin erhielt
er 2002 das Zertifikat und damit auch die Frage: Was wollt ihr machen? Martin
Langer ging zielbewusst an die Erarbeitung des eigenen Projektes. Zuvor aber
galt es eigene Fragen zu beantworten: Was will ich? Was kann ich? Was wird gebraucht?
Was ist möglich? „Kann man diese systematisch analysieren, ist der
Erfolg gesichert", weiß der engagierte Mann. Präventionsarbeit
sollte es sein, als Mitglied des Präventionsrates im Landkreis liegt dieses
Ziel natürlich sehr nahe. „Wissen Sie, es wird immer dann eine Kampagne
gestartet, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen ist. Vorbeugen ist
doch immer besser als heilen."
Sein erstes Projekt läuft nun langsam aus. Träger war die Volkssolidarität
und es ging um das Thema „Nepper, Schlepper, Bauernfänger". Senioren
wurden über Tricks aufgeklärt, erhielten Verhaltensregeln und diese
hängen heute noch bei so manchem Senior am Schlüsselbrett. „Mit
meinem zweiten Projekt, was bereits angelaufen ist, habe ich mich auf die Schulen
gestürzt. Träger ist hier der Weiße Ring." Auslöser
war die Aussage eines Lehrers im Präventionsrat, dass der Ton an den Schulen
immer rauer werde. Langers Präsentation erhielt das Urteil: Bestens, weil
Drohen mit erhobenem Daum nicht sein Anliegen ist. Schüler sollen sich selbst
mit ihrem Verhalten erkennen, Demütigungen, Hänseleien, verbale Beschimpfungen
spüren. Am besten geht das natürlich mit Rollenspielen, sagt Langer
und hat das bereits im Kühlungsborner Gymnasium und auch in Kröpelin
an der Schule durchgeführt. „Ich frage: Was empfindest du, wenn man
dich mobbt, beschimpft oder rumschubst? Und wenn die Antwort lautet, das mache
ich nie wieder, habe ich mein Ziel erreicht." Langer geht nicht unvorbereitet
in die Schulen. Schwerpunktprobleme werden zuerst ermittelt, ob Zerstörungswut,
Diebstahl, Mobbing an der Tagesordnung stehen und sucht dafür die entsprechenden
Rollenspiele aus. Zumeist steht dafür der Sozialkundeunterricht zur Verfügung.
Viel lieber wäre es ihm, wenn es an einem Nachmittag in lockere Atmosphäre
stattfinden könnte. Das Reden miteinander würde leichter sein, vielleicht
auch effektiver. Für seine Arbeit als Seniortrainer gibt es kein Geld, will
er auch nicht - viel mehr, dass sich was ändert. „Ich habe sogar schon
Beifall von Schülern erhalten. Was will ich mehr", schmunzelt der agile
Senior, der den Schülern so ganz nebenbei erklärt, welche Aufgabe der
Weiße Ring hat: Hilfe den Opfern von Straftaten geben. „Ich möchte,
dass ihr weder das eine noch das andere werdet!"
Eva-Maria Reinhardt
Infos für Schulen des Landkreises und Rostock: « 038293/ 16467; E-Mail:
langermal@freenet.de
Für die Werbekampagne „ 4/f für Jung" gab es ein Casting.
Martin Langer fuhr nach München und wurde zum Vorzeige-Senior auf Plakaten,
Flayern, in den Medien. „Ich bin mode. Aber langsam reicht's. Es soll
wieder Ruhe einziehen, ich will arbeiten." Aber dennoch, Anerkennung für
ehrenamtliche Arbeit ist ein guter Lohn, zuweilen auch der einzige. Aber das
stört den agilen Pensionär nicht, denn er will, dass sich etwas verändert.
Er gehörte zu den 20 Trainern der ersten Stunde, die heute noch Kontakt
miteinander pflegen. So auch mit Dr. Renate Billinger-Cromm aus Wustrow, die
sich als Seniortrainerin Kunstprojekten verschrieben hat. Jetzt ganz verstärkt
an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Foto: Reinhardt

|