Silke Brauers
Unter dem Titel „Active Aging in the 21st Century – Participation,
Health and Security“ fand der 18. Weltkongress der International Association
of Gerontology in Rio de Janeiro statt, an dem rund 4000 Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler aus aller Welt teilnahmen. Neben Themengebieten wie Pflege,
Gesundheitsaspekte sowie gerontologischen Fragestellungen fanden erstmalig
Themen wie lebenslanges Lernen und bürgerschaftliches Engagement Eingang in
das Tagungsprogramm. Im Verhältnis zum Gesamtprogramm war jedoch erkennbar,
dass das Engagement Älterer im Freiwilligensektor zu den noch wenig erforschten
Feldern im Zusammenhang mit dem Leitbild des „Aktiven Alterns“ gehört.
Das Bundesmodellprogramm „Erfahrungswissen für Initiativen“ (EFI)
traf gleich in zwei Veranstaltungen auf reges Interesse seitens des internationalen
Publikums.
1. Internationales Symposium „Lifelong Learning and Active Citizenship
in an Aging Society: European and Northamerican Best Practices“
Einem Publikum von rund 50 interessierten Wissenschaftler/innen wurden vier
Programme zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements Älterer vorgestellt:
- EFI-Programm (Deutschland)
- Legacy Leadership Institutes (USA)
- SESAM Academy (Niederlande)
- Training for Senior Citizens Consultants (Belgien)
Einleitend stellte Jack Steele (USA) fest, dass derzeit 10% der Weltbevölkerung
über 60 Jahre alt ist. Im Jahre 2050 werden es sogar 20% sein. Diese demographischen
Trends bringen nicht nur Herausforderungen, sondern auch viele Gestaltungsmöglichkeiten,
so der Vertreter der Legacy Leadership Institutes in den USA. Es würden mehr
Dienstleistungen für Ältere erbracht werden müssen. Genauso sollte aber
auch in den Blick genommen werden, dass die neuen Altengenerationen stärker
als bisherige Altengenerationen einen gesellschaftlichen Beitrag in Form von
freiwilligem Engagement leisten können und wollen. Die aktuellen Freiwilligenprogramme
können dabei in direkte und indirekte Modelle unterteilt werden. Die Legacy
Leadership Institutes, die SESAM Academie und das EFI-Programm gehörten zu
den indirekten Service-Modellen. Das Engagement der Programm- Teilnehmer\innen
besteht in der Beratung und Unterstützung von Non-Profit-Organisationen vor
Ort.
Das Modell des US-amerikanischen Modells der Legacy Leadership Institutes
verknüpft neue Rollenmodelle und neue strategische soziale Netzwerke mit der
persönlichen Entwicklung (Stichwort: Lifelong Learning) der Programm-Teilnehmer\innen
(zur detaillierten Erlauterung des Programms vgl. die Zusammenfassung
des internationalen Forums und Research Meetings, EFI-Tagung Würzburg, Juni
2005 ).
Joke Zwart (Niederlande) stellte die SESAM Academie vor. Pensionierte Ex-Manager
können sich in diesem Programm zu sog. „SESAM Advisors“ oder „SESAM
Coaches“ ausbilden lassen. Die Leistungsempfänger sind auch in diesem
Fall Organisationen des Dritten Sektors, die die Beratungsangebote gegen ein
geringes Entgelt wahrnehmen können (zur genaueren Beschreibung vgl. Zusammenfassung
EFI-Fachtagung). Seit 2003 sind fünf Trainingskurse mit 80 Teilnehmer\innen
abgeschlossen worden. Leider gibt es nur sporadisch durchgeführte Evaluationen,
so dass noch nicht auf qualitative und\oder quantitative Forschungsergebnisse
zurückgegriffen werden kann.
Als drittes Modellprogramm stellte Silke Brauers (Deutschland) das EFI-Konzept
vor. Es stellte sich heraus, dass das EFI-Programm zu den umfangreichsten Programmen
gehört – sowohl was die Zahl der engagierten Älteren betrifft wie auch
die Zusammensetzung der beteiligten Akteure. Im Vergleich zu den niederländischen
und US-amerikanischen Modellen wurde ausserdem deutlich, dass das EFI-Programm
die Möglichkeiten und Rollenprofile des „seniorTrainers“ von Beginn
an bewusst offen gehalten hat, d.h. im Unterschied zu anderen Programmen ist
die Bandbreite der nach der Qualifizierung folgenden Engagements und Tätigkeiten
sehr gross. Aus Zeitgründen konnte nicht näher auf einzelne Evaluationsergebnisse
eingegangen werden. Verwiesen wurde jedoch auf die umfassende Begleitforschung,
die die einzelnen Kooperationspartner innerhalb des EFI-Programms durchführen.
Als viertes Modellprojekt wurde von Els Messelis (Belgien) das „Training
for Senior Citizens-Consultants“ vorgestellt. Das seit 1989 existierende
Programm besteht aus einer 920 Stunden umfassenden Qualifizierung, die wiederum
aufgeteilt in vier Module aufgeteilt ist. Die Programm-Teilnehmer\innen lernen
die Grundlagen der Gerontologie, soziale und kommunikative Kompetenzen, Bildungs-
und Trainingskompetenzen und informieren sich über aktuelle Tendenzen in der
Seniorenpolitik. Ziel des Programms ist es, sowohl beruflich Tätigen als auch
freiwillig Engagierten Werkzeuge an die Hand zu geben, um wirkungsvoll auf
der lokalen Ebene mitwirken zu können und somit auch aktive Seniorenpolitik
zu betreiben.
Zum Abschluss stellte Joke Zwart das europäische Kooperationsprojekt LACE
vor, dass im Herbst dieses Jahres starten soll.
2. Präsentation „Viewing the aging population as a strategic resource
in the voluntary sector“
Joke Zwart (Niederlande) und Silke Brauers
(Deutschland) präsentierten in
einem offenen Forum die existierenden Programme im Überblick und regten an,
Ältere stärker als zuvor als strategisch wichtige Ressource im Freiwilligensektor
zu verstehen. Es wurde deutlich, dass das freiwillige Engagement Älterer nach
wie vor ein 'Nischenthema' ist, das noch nicht in dem Bewusstsein
der Öffentlichkeit verankert ist. Gemeinsam wurde angeregt, internationale
Vergleichsstudien im Zusammenhang mit dem bürgerschaftlichen Engagement neuer
Altengenerationen stärker als zuvor in den Blickfeld zu nehmen und diesbezüglich
auch in der Gerontologie neue Akzente zu setzen.
3. Zusammenfassung und Perspektiven
In beiden Symposien wurden von dem internationalen Publikum ähnliche Fragen
bzgl. der Programme und insbesondere bzgl. des EFI-Programms gestellt: Die
zunehmende Auflösung der Grenzen zwischen Erwerbstätigkeit und freiwilligem
Engagement sowie die nachhaltige Sicherung und Fortsetzung der Programme waren
Inhalt der Diskussionen. Forschungsfragen und Evaluationsergebnisse standen
eher im Hintergrund, da in beiden Veranstaltungen ein allgemeiner Überblick
über bestehende Modellprogramme gegeben wurde. Für eine Übernahme des EFI-Konzeptes
interessierten sich insbesondere Teilnehmer\innen aus Peru, Indien, Brasilien
und England.
Gemessen an dem Gesamtprogramm der Konferenz wurde jedoch deutlich, dass das
Thema (noch) nicht in die Agenda der internationalen Gerontologie aufgenommen
ist. Auch für zukünftige Veranstaltungen auf internationalem Niveau wird
es daher zukünftig wichtig sein, Programme wie das EFI-Programm vorzustellen
und sowohl auf wissenschaftlicher als auch auf politischer Ebene ein Zeichen
zu setzen.
|